Zur Besinnung
Advent
Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Sacharija 9,9
Es sind nicht mehr viele Menschen, die noch einen leibhaftigen König als Regenten unseres Landes erlebt haben. Weit liegt das zurück, oft als schön gefärbte Erinnerung an ferne Kindertage. Und doch verbindet sich mit dem Wort König ein merkwürdig faszinierender Glanz, den selbst heftige Skandale, empörende Ereignisse und bitteres Versagen von Königen nicht auslöschen konnten. Die Regenbogenpresse lebt gut und üppig vom insgeheimen Zauber, den Königshäuser verbreiten, und Geschichten von Königskindern rühren immer noch die Massen.
Bis in unsere Zeit, in der Präsidenten oder Kanzler regieren, hat sich im Sprachgebrauch etwas davon erhalten. Wer souverän sein Metier beherrscht, ist eben „der Kaiser“, und wer etwas besonders gut kann, „der King“. Kein Mensch freut sich „präsidial“, sondern eben, wenn’s ganz von innen heraus kommt, königlich. Offensichtlich erinnert das Wort König an eine besondere Qualität, die auf das ganze Leben einer Gemeinschaft ausstrahlt. Das hat mit Würde zu tun, Erhabenheit, Größe und einer Verbundenheit, die Oben und Unten umschließt. Keine Angst: Dies hier ist kein Plädoyer für neuen Royalismus, und um sentimentale Verklärung geht es schon gar nicht. Die Zeit der Könige ist vorbei. Geblieben ist der König als Symbol, als Zeichen für die Sehnsucht nach ein bisschen Glanz in unserem Leben, nach Gebor-genheit, nach einer heilen Welt, einem Lebensraum, in dem wir uns gut aufgehoben wissen. An diese Qualität erinnert auch der Prophet Sacharja. Da ist nichts, was das Königtum verherrlicht. Im Gegenteil. Sein König, den er verheißt, ist so ziemlich das genaue Gegenbild zu dem, was Sacharja und sein Volk mit Königen erlebt haben. Das Neue Testament malt behutsam ein Bild vor Augen, in dem erst der zweite, der tiefere Blick, der Blick des Glaubens, den wahren König entdeckt: im Bild des gekreuzigten und aufer-standenen Jesus Christus.
Er begegnet eher als gebeugte Gestalt. Nur mühsam bedeckt ein schlichter Mantel die Blößen eines geschundenen Leibes. Nicht das Schwert, das Symbol des Mächtigen und Starken, hält er in der Hand, sondern die leichte Osterfahne, und mit segnender Gebärde grüßt er die Seinen. Es ist der sich hingebende Zeuge der Liebe, der alle Last, alles Leid, alle Verkehrtheit und Bosheit mit auf seine Schultern lädt, dem Verlorenen nachgeht, die Irrenden zurecht bringt, sich selbst hingibt, damit der Gott der Liebe Raum gewinnt und Menschen Heilung erfahren. Bei ihm sind wir angenommen, bewahrt, verstanden und gut aufgehoben im wörtlichen Sinne: so aufgehoben, dass etwas vom Glanz des Himmels in unser Leben fällt und uns mit Gott verbindet.
Ihr Pfarrer Rolf Gorny


