Zur Besinnung

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Es kann ein spannendes Spiel mit sich selbst werden: Stell dir vor, du siehst alles zum ersten Mal. Stell dir vor, du lässt die Abnutzungserscheinungen der Jahre hinter dir, die gnädige Routine, in der du dich eingerichtet hast, die Gewohnheit, mit der du davon ausgehst,

du wüsstest, wie die Welt aussieht: bei Tag, bei Nacht, im Sommer und im Winter, bei Regen, Nebel oder Sonne.

Und jetzt: Stell dir einfach vor, ...

 

 

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du öffnest die Türe an einem nach Sommer duftenden Sonnentag, du blinzelst und riechst und entdeckst alles da draußen zum aller-ersten Mal: die blühenden Rosen, den Schmetterling, die Amsel, den Käfer...

So muss es dem Liederdichter Paul Gerhardt in der Mitte des 17. Jahrhunderts gegangen sein. In den Berliner Gartenanlagen war es ihm vergönnt, zum allerersten Mal in seinem Leben Tulpen zu sehen, die dort im frühen Sommer gemeinsam mit den Narzissen die Gärten in ein Farbenmeer verwandelten und die Menschen in Verzückung versetzten.

Paul Gerhardt verewigte dieses Staunen in dem wohl berühmtesten Sommerhit der Welt: »Geh aus, mein Herz, und suche Freud.« In der zweiten Strophe klingt die beinahe kindliche Begeisterung über die fremdartigen Blumen:

Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide; Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an, als Salomonis Seide..

Für eine einzige Tulpe investierten Fürsten und Könige zu damaligen Zeiten zwanzig Wagenladungen Korn, zehn Nutztiere und mehrere Fässer Bier. Die Tulpe war die Gartenentdeckung dieses Jahrhunderts. Man hatte sie von Persien und Afghanistan über die Türkei nach Europa gebracht, und die Menschen freuten sich geradezu überschwänglich über diese Blume, die ihren Namen von einem edlen arabischen Kopfschmuck geliehen hat.

Stell dir vor, du siehst das alles zum ersten Mal: die Entfaltung der Natur nach dem Schlaf im Frost. Stell dir vor, es gehen dir die Augen über vor Glück über diese wundervolle Welt, und du hast für einen Augenblick nicht den geringsten Anlass, an der Existenz Gottes zu zweifeln.

So muss es dem Liedermacher Gottes auch gegangen sein. Paul Gerhardt gehörte eher zu den stillen Männern im Lande, und er gehörte beileibe nicht zu den erfolgreichen. Bevor er Pfarrer wurde, schlug er sich vierzehn Jahre lang als überständiger Student durch die Universität in Wittenberg. Er war meist arbeitslos und musste 42 Jahre alt werden, bevor er die erste feste und regelmäßig dotierte Stelle bekam. Das Liederdichten trieb er eher heimlich und musste von dem Kirchenmusiker, der seine Gottesdienste begleitete, hef-tig überredet werden, seine Verse der Öffentlichkeit preiszugeben.

Als er starb, widmete ihm seine kleine brandenburgische Gemeinde ein Porträt, das unterschrieben wurde: »im Sieb des Teufels geschüttelt«. Das war der Kommentar zum Leben des bescheidenen Pfarrers, der innerhalb von zehn Jahren vier Kinder und seine Frau verloren hatte und Gottes überschäumende Liebe glaubwürdig hochhalten musste im pestgeschüttelten Deutschland während des Dreißigjährigen Krieges. Nach den Kategorien des Erfolgs war Paul Gerhardt kein vorzeigbarer Zeitgenosse. Aber es war wohl das Geheimnis dieses Poeten, dass er in aller Trauer das Staunen nicht verlernt hatte. Er hatte diesen Blick auf die Welt, der mit der Übung verbunden war: Stell dir vor, du siehst alles um dich herum zum ersten Mal.

Dieser Blick machte ihn zu einem gottdurchlässigen Menschen und eröffnete ihm diese unbeschreibliche Dankbarkeit, die aus einem offenen Herzen kommt.

Vielleicht hat Jesus diesen immer wieder neuen, neugierig staunenden Blick auf die Welt gemeint, als er sagte: Werdet wie die Kinder. Denn Kinder haben noch nicht den geübten Blick, die routinierte Wahrnehmung, die sich auf die Wiederholung verlässt und dabei das Wunder übersieht. Paul Gerhardt tritt in den aufbrechenden Sommer und erkennt Gottes Zauber im Zauber der Natur. Er ist im Schauen froh. Er greift nicht ein in das Werk Gottes, er kommentiert es nicht. Er bestaunt es nur. Und er ahnt, dass die Schönheit unserer Welt nur der Vorgeschmack zu der unbeschreiblich anderen Welt Gottes ist.